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Oft lesen wir gewiss richtig. Es gibt Gewaltformen und Geschlechterrollen in migrantischen Milieus, die nicht „kulturell“ erklärbar, sondern schlicht inakzeptabel sind. Vieles jedoch lesen wir selbst auch in solche Nachrichten hinein. Migration wird eben auch medial dramatisiert und öffentlich diskriminiert. Längst gibt es hier neben neuem Realismus auch einen neuen Alarmismus, der fremde Bedrohung überall sieht und fremdenfeindliche Züge trägt. Dazu gehört auch die Rede von der Parallelgesellschaft.

Denn das Problem mit den Einwanderern hat zunächst eine überaus deutsche Geschichte. Deutschland sei kein Einwanderungsland, sagten die Stammtische schon immer und sagt Innenminister Schäuble immer noch. Sein schlichtes Argument: Deutschland habe nie Einwanderungspolitik betrieben. Genau dies ist das Problem. Deutschland wollte nie Einwanderungsgesellschaft sein, sondern stets „deutsche“ Abstammungsgemeinschaft bleiben – allen „völkischen“ Erfahrungen wie allen Einwanderungen in der Geschichte zum Trotz.

Besonders nach 1945 wirkte diese Absicht zunehmend grotesk, denn bereits die Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, die damals nach Restdeutschland kamen, waren eher zweifelhafte Deutsche. Zuallererst waren sie ungebeten und unwillkommen – Migranten auch sie, Fremde.

Und das blieben sie und ihre Kinder noch lange Zeit: „Flüchtlinge“. Das Wort birgt auch für mich noch eigene Erinnerungen an ein Aufwachsen bei den Schwaben, die von uns „fremden“ Deutschen wenig wissen wollten. Obwohl ich doch hier geboren war. Unterschiedliche Dialekte, Schicksale, Traditionen, Lebensstile trennten auch noch meine Generation – allen angeblich gemeinsamen deutschen Wurzeln wie westdeutschen Alltagen zum Trotz. Schon die schnell hochgezogenen Flüchtlingsblocks am Stadtrand verkündeten ein symbolisches Draußen. Und die Konfessionsunterschiede zwischen protestantischen Schwaben und katholischen Flüchtlingen erschienen ebenso unüberbrückbar wie heutige Religionsunterschiede zwischen Christentum und Islam. „Gemischte“ Freundschaften waren dadurch schwierig, Heiraten unmöglich. So blieben die Flüchtlinge in ihren Kirchen, Sportvereinen und Geschäften ebenso unter sich wie bei ihren Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Eine Parallelgesellschaft? Bis dann die Gastarbeiter kamen, deren italienisches und türkisches Idiom den Schwaben noch fremder klang als unseres.

Einwanderung ist in Deutschland also nichts Neues und nichts Eindeutiges. Sie ist vielfältig und entgegen landläufiger Meinung auch kein Minderheitenproblem: Je nach Zuordnung und Rechnung verfügen heute 25 bis 40 Millionen Deutsche über einen migrantischen Hintergrund. Ich wüsste nicht, weshalb ich mich nicht dazurechnen sollte: Die Migration meiner Eltern bestimmte nachhaltig auch meinen Lebenslauf. Kaum weniger als bei den Jugendlichen, die wir heute „türkischstämmig“ nennen. Obwohl die meisten von ihnen ebenfalls hier geboren sind und vielfach die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Wohin sollen sie sonst gehören als hierher?

Wer also ist Migrant? Das hängt vom Grad der kulturellen Fremdheit an, der Einwanderern jeweils zugeschrieben wird. Faustregel: Je „östlicher“ oder „orientalischer“ die Herkunft, desto fremder.

So wird der Einwanderungsdiskurs nach wie vor als Fremdendiskurs geführt. Deutsch ist man bekanntlich, das kann man nicht einfach werden. Diese zähe Tradition bekommen die Migranten zu spüren: kulturelle Ausgrenzung, die zwischen einem deutschen „Wir“ und einem fremden „Die“ eine scharfe Trennlinie zieht. Wer „anders“ aussieht, der spürt die misstrauischen Blicke auf der Straße, hört die abfälligen Kommentare in der U-Bahn, erduldet routinemäßig Polizeikontrollen, erleidet die Sonderbehandlung beim Boarding auf dem Flughafen – täglich und trotz deutschen Passes!

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