Eigentlich klingt es ganz plausibel. Wir haben zwar ein Problem, dafür aber auch gleich eine Diagnose. Das Problem heißt Migration, und die Diagnose lautet: mangelnde Integrationsbereitschaft. Konkreter: Wer nach Deutschland einwandert (offenbar nur noch Menschen aus der Türkei oder aus arabischen Ländern), der wandert gar nicht wirklich in die deutsche Gesellschaft ein. Stattdessen sucht er sich seinen Platz in migrantischen Parallelgesellschaften. Und die sind vor allem eines: bewusst nichtdeutsch.
Insofern bündelt der Begriff Parallelgesellschaft, was offenkundig scheint und was von den Medien jeden Tag weiter verdichtet wird: jenes Bild migrantischer Enklaven, in denen man mit Türkisch oder Arabisch durch den Tag kommt. Von der Moschee über den Bäcker, den Gemüseladen und die Teestube bis zur Tankstelle kein Deutsch. Mehr noch, hier, mitten in unseren Städten, findet Deutschland offenbar kaum statt, sondern „fremde Welt“: aggressive Kids, kopftuchtragende Frauen, Zwangsheiraten, fundamentalistische Muslime, minarettbewehrte Moscheen.
Zum Thema
Tagesspiegel-Dossier: Integration Anfang der 1990er Jahre hatte der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer den Begriff Parallelgesellschaft in die Debatte eingebracht. Zunächst ohne großes Echo. Doch seit drei, vier Jahren ist mit dem eher flüchtig hingeworfenen Wort plötzlich eine Sprach- und Bilderlawine losgetreten. Nun sind es Politiker, die diesen Begriff als Alarmwort benutzen, um die Migrationsproblematik zu beklagen. Von „Fördern und Fordern“ ist zwar auch die Rede, vor allem aber von Überwachung und Kontrolle. Sonst drohten uns No-go- areas wie in den Pariser Vorstädten. Bayerische Politiker fangen solche Sätze gern mit der Formulierung an: „Es kann nicht sein, dass in Deutschland…“
Mein leiser Sarkasmus gilt dieser Art der Thematisierung. Er soll keinesfalls den Ernst der Situation abschwächen. Denn in vielen europäischen Gesellschaften hat sich die Diskussion über Migration tatsächlich dramatisch zugespitzt. Neue Begriffe von Fremdheit tauchen darin auf, und neue Ängste werden spürbar. Zwei Bilder vor allem sind es, die gegenwärtig die öffentliche Wahrnehmung prägen. Zum einen werden Migranten verstärkt als ethnisch Fremde identifiziert. Als Fremde, die deshalb auch nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören. Zum andern erfahren zunehmend islamistische Gruppen öffentliche Aufmerksamkeit. Seit jenem 11. September scheinen sie den Nährboden zu bilden für einen Terrorismus, der im Namen des Dschihad auch in Europa bereits seine blutigen Spuren von London bis Madrid hinterlassen hat.
Fremdheit, Bedrohung, Terrorismus durch Einwanderung. Diese Assoziationskette lesen wir dann zwangsläufig auch aus anderen einschlägigen Nachrichten heraus. Wenn von Prügeleien auf dem Schulhof, vom Abziehen auf der Straße, von Angriffen auf die Polizei, von brutalen Ehrenmorden an jungen Frauen die Rede ist.
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