|
|
Oh,
wie schön ist Kanada – Gute
Integration braucht gute Schulen Reiner Bertrand von EUROTÜRK schließt
sich gerne einer Initiative der Bertelsmann-Stiftung und dem Antrag der
Grünen an die NRW-Landesregierung an. |
In Deutschland hängt
der Bildungserfolg viel zu stark von der sozialen Herkunft ab.
Dass
es anders geht, zeigt vorbildlich Kanada. Nordrhein-Westfalen als
Integrationsland Nummer Eins muss sich das zum Beispiel nehmen und endlich das
aussortierende und leistungsfeindliche Bildungssystem überwinden. Wir brauchen
in unserem Bildungssystem ein neues Leitbild für Teilhabe und
Chancengleichheit: Miteinander statt gegeneinander, chancenreich statt
chancenlos, leistungsstark statt leistungsschwach.
I.
Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte besser fördern
In
kaum einem anderen Land ist der Bildungserfolg so abhängig ist von der sozialen
Herkunft der Kinder und Jugendlichen wie bei uns. Das beweisen die
internationalen Vergleichsstudien der vergangene Jahre. Kinder aus
einkommensschwachen Familien und/oder mit Zuwanderungsgeschichte sind in
unserem Bildungssystem massiv benachteiligt. Besonders benachteiligt sind -
durch das aussondernde Schulwesen - Kinder mit einer Behinderung.
Schülerinnen
und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte haben – bei gleichen kognitiven Voraussetzungen
– geringere Chancen, ein Gymnasium zu besuchen und das Abitur zu erwerben, als
solche aus einkommensstarken, einheimischen Familien. Kinder mit
Zuwanderungsgeschichte konzentrieren sich vor allem an Hauptschulen, bleiben
häufiger sitzen, brechen öfter die Schule ab und haben größere Schwierigkeiten,
einen Ausbildungsplatz zu finden.
Ihr
Anteil an den Studierenden ist weit unterproportional. Der Integrationsbericht
2008 der Landesregierung macht deutliche Aussagen zur Benachteiligung von
Migrantinnen und Migranten in NRW und zur mangelnden Integrationsfähigkeit des
Schulsystems: "Die Verteilung auf die Schulformen zeigt sehr anschaulich
die Unterschiede zwischen den Gruppen.
Ausländische
und ausgesiedelte Schülerinnen und Schüler sind an den Hauptschulen und Förderschulen
stark über- und an den Gymnasien stark unterrepräsentiert. Im Schuljahr 2007/2008
lag der Anteil von ausländischen und ausgesiedelten Schülerinnen und Schülern an
den Hauptschulen bei 28,1%. Zum Vergleich: An den Gymnasien waren es nur 5,7%..
Anders
formuliert: Mehr als 9 von 10 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sind weder
Ausländerinnen, Aussiedlerinnen, Ausländer oder Aussiedler. […] Wie
unterschiedlich die
Reformen
durch Zuwanderung betroffen sind, machen auch die folgen Zahlen deutlich:
Lediglich 30 von insgesamt 718 Hauptschulen in Nordrhein-Westfalen haben einen
Anteil an ausländischen und ausgesiedelten Schülerinnen und Schülern von 5%,
aber 343 der insgesamt 630 Gymnasien. 315 Hauptschulen haben demgegenüber 30%
und mehr ausländische und ausgesiedelte Schülerinnen und Schüler, dies trifft
aber nur auf 8 Gymnasien in Nordrhein-Westfalen zu. Noch deutlicher werden die
Unterschiede, wenn nicht nach Schulen, sondern nach Klassen differenziert wird.
In mehr als jeder dritten (5.522) der insgesamt 14.265 Gymnasialklassen in
Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil bei 0% - es gibt dort weder ausländische
noch ausgesiedelte Schülerinnen und Schüler. Umgekehrt: In jeder sechsten
(15,4%) Hauptschulklassen in Nordrhein-Westfalen sind über die Hälfte der
Schülerinnen und Schüler Ausländerinnen, Aussiedlerinnen, Ausländer und
Aussiedler." Diese Bildungsungerechtigkeit ist nicht akzeptabel.
Das
bestehende Schulsystem hat seine demokratische Legitimation verloren und ist
volkswirtschaftlich untragbar. Unser Bildungssystem muss endlich leisten, was
in anderen Ländern auch gelingt: die soziokulturelle, wirtschaftliche
Benachteiligung zu kompensieren und damit für Chancengleichheit zu sorgen. Der
UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Bildung, Vernor Munoz, hat 2006 in
seinem Bericht über Deutschland die mangelnde Integrationsfähigkeit des
deutschen Bildungssystems deutlich kritisiert. Aktuell erklärte Munoz bei einer
Veranstaltung in Oldenburg gegenüber der Presse in Bezug auf die notwendige
Systementwicklung in Deutschland: "Das Menschenrecht auf Bildung ist nicht
für den Mond gemacht!"
Und: "Mit dem Schulsystem kann
es so nicht weiter gehen."
II.
Das gegliederte Schulsystem ist nicht zukunftstauglich
Gründe
für die mangelnde Integrationsfähigkeit unseres Bildungssystems sind vor allem
die frühe Aufteilung der Schülerinnen und Schüler in die verschiedenen
Schulformen sowie die kurze gemeinsame Lernzeit in der „Halbtagsschule“. Die
Überwindung des aussortierenden Schulsystems und der Ausbau von attraktiven und
qualitativ hochwertigen Ganztagsschulen mit Öffnung zur Gemeinde
("Community Education") sind daher das Gebot der Stunde. Hinter den
derzeitigen Strukturen in unserem Bildungssystem steht die Vorstellung von
einer ständischen Gesellschaftsordnung, die angesichts der Anforderungen der
demokratischen Wissensgesellschaft und der demografischen Entwicklung
anachronistisch zu nennen ist.
Für
die frühe Aufteilung der Kinder ist die vorherrschende Überzeugung maßgeblich,
Kinder könnten unterschiedlichen Begabungen zugeordnet werden und würden sich
in homogenen Lerngruppen am besten entfalten. Für die kurze gemeinsame Lernzeit
in der Halbtagsschule ist die in der alten Bundesrepublik herrschende
Herangehensweise prägend, den Einfluss des Staates auf die Erziehung nicht zu
groß werden zu lassen. In ihrem Konzeptpapier für den Carl-Bertelsmann-Preis
2008 stellt die Bertelsmann-Stiftung richtigerweise fest: Diese Traditionen und
Überzeugungen gründen „in einer Philosophie, die auf Einheit und Homogenität
setzt und für die Vielfalt problematisch ist. In einer immer stärker
globalisierten Welt müssen immer mehr Menschen unterschiedlichster Herkunft
miteinander kooperieren und leben. Für diese Welt ist eine solche Sichtweise
schlicht nicht zukunftsfähig.“
III.
Die Herausforderung: Vielfalt wertschätzen
Das
nordrhein-westfälische Bildungssystem steht vor einer großen Herausforderung:
Es muss sich substantiell umorientieren und verändern, um der tatsächlichen
Einwanderungssituation, dem demographischen Wandel und der zunehmenden
Globalisierung gerecht zu werden. Wenn wir mehr Bildungsgerechtigkeit und
Integration wollen, müssen wir auf ein integrationsfähiges Bildungssystem
setzen und uns von der Tradition der „begabungsgerechten Aufteilung“ verabschieden.
Nordrhein-Westfalen braucht einen neuen Konsens, dass Vielfalt kein Problem ist
und dass alle Kinder und Jugendliche, unabhängig von ihrer Herkunft, echte
Chancen bekommen. Die Wertschätzung der Vielfalt der Kinder und Jugendlichen ist
die Grundlage jeder individuellen Förderung. Das gegliederte Schulsystem
schafft Lernbarrieren und setzt der individuellen Förderung enge Grenzen, weil
es auf Homogenisierung und Aussortieren basiert. Es behindert die Lehrkräfte in
der Entwicklung einer umfassenden Professionalisierung. Denn es fördert eine
Haltung der Nichtzuständigkeit gegenüber Schülerinnen und Schülern und
ermöglicht das Abschieben aus Lerngruppen und Schulformen.
IV.
Von Kanada lernen …. heißt: besser werden!
Da
sich Kanada seit vielen Jahrzehnten als aktives Einwanderungsland versteht,
unterscheidet es sich in vielerlei Hinsicht von Deutschland. Die Wertschätzung
kultureller Vielfalt gehört zum kanadischen Selbstverständnis. Allerdings
bekennt sich auch Deutschland mittlerweile dazu, ein Einwanderungsland zu sein
und kann daher von einem „klassischen“ Einwanderungsland wie Kanada viel
lernen. Kanada gelingt es, Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien erfolgreich
in sein Bildungssystem zu integrieren. Die PISA-Studien zeigen, dass es keine
Leistungsunterscheide zwischen „Einheimischen“ und Jugendlichen mit
Zuwanderungsgeschichte geben muss - wenn sich ein Schulsystem dem
demokratischen Ziel verpflichtet und in der Folge auch partizipativ
demokratisch aktivierend arbeitet. Im vergangenen Jahr wurde dem Toronto
District School Board der Carl- Bertelsmann-Preis verliehen. Die Bertelsmann
Stiftung begründet das mit dem integrativen Schulsystem in Kanada, das
Gesamtschulen und Ganztagsstrukturen hat, und dem Handeln der regionalen
Schulbehörden.
Besonders
hervorgehoben wird das Toronto District School Board für seine „equity policy“,
die für einen ganzheitlichen, systemischen Ansatz steht, um
Teilhabegerechtigkeit und Chancengleichheit insbesondere für Schülerinnen und
Schüler mit Migrationshintergrund zu gewährleisten. Die wichtigsten Elemente
dieses Ansatzes, die im Zusammenwirken ihre Kraft entfalten, sind:
• Die Verständigung auf ein Leitbild, das an den
Prinzipien von Teilhabe und Chancengleichheit ausgerichtet ist. Integration
wird nicht durch zusätzliche Leistungen, sondern durch einen
Mainstreaming-Ansatz in der schulischen Praxis geleistet. Ergebnis ist eine
offene und respektvolle Schulkultur, die von allen Akteuren mitgetragen wird.
• Dieses Leitbild wird von der Spitze der Verwaltung engagiert
umgesetzt. Auch die Schulleitungen identifizieren sich mit dem Leitbild und
sorgen für die Umsetzung an den einzelnen Schulen. Betont wird auch die Rolle
der Lehrkräfte als Vorbilder. Jedes Kind hat seinen Platz und wird respektiert.
Diese Philosophie wird von den Lehrkräften und im Schullalltag vorgelebt.
• Die Förderung der Zweisprachigkeit hat einen sehr hohen
Stellenwert.
• Schulen in sozialen Brennpunkten bekommen hinsichtlich
personeller und sächlicher Ressourcen die meiste Unterstützung. Ein
transparenter Index sorgt für eine faire Ressourcensteuerung.
• Curricula und Lernmethoden sind auf die multikulturelle
Zusammensetzung der Schülerschaft eingestellt. Kooperative Lernarrangements und
individuelle Förderung bestimmen die Lern- und Unterrichtskultur.
• Der Schulalltag spiegelt in seiner Gedenk- und Festkultur
die ethnische Vielfalt wider. Auch beim pädagogischen Personal wird darauf
geachtet, dass Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher etc. mit
Zuwanderungsgeschichte an den Schulen tätig sind.
• Die Schulen werden darin unterstützt, die Eltern,
Nachbarschaften und ethnischen Communities einzubinden. In Schulen mit vielen
Kindern mit Zuwanderungsgeschichte arbeiten Integrationsberaterinnen und
Integrationsberater, die Eltern bei schulischen und sonstigen
Integrationsfragen beraten. Für die Arbeit mit den Eltern werden häufig
Freiwillige herangezogen, die einen ähnlichen Migrationshintergrund haben (so
genannte „cultural interpreters“). Schulen bieten auch Qualifizierungsmaßnahmen
für Eltern an.
Die
Wertschätzung von Vielfalt als Grundlage gelingender Integration und einer
optimalen, individuellen Förderung aller Schülerinnen und Schüler und
insbesondere solcher mit Zuwanderungsgeschichte wird von der schwarz-gelben
Landesregierung nicht gefördert. Vielfältige schulpolitische Maßnahmen der
vergangenen vier Jahre zeigen: CDU und FDP tun nicht nur zu wenig dafür, die
Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien
und/oder solchen mit Zuwanderungsgeschichte zu verbessern, sie blockieren diese
sogar. Beispiele sind die Aufhebung der Grundschulbezirke, die Einführung verbindlicher
Grundschulgutachten und das schwarz-gelbe Modell der Schulzeitverkürzung genannt,
das jede Durchlässigkeit in der Sekundarstufe I beendet und das Gymnasium von den
anderen Schulformen abgekoppelt hat. Einen großen Rückschritt hinsichtlich
Teilhabe und Einflussmöglichkeiten von Schülerinnen und Schülern sowie der
Eltern stellt auch die Abschaffung der Drittelparität in der Schulkonferenz
dar. Hiermit wurde eine Chance vertan, die Verantwortung der Eltern für das
schulische Leben und damit auch ein von Teilhabe geprägtes Leitbild zu stärken.
V.
Der Landtag fordert die Landesregierung auf:
• ein Konzept vorzulegen, wie das gesamte Bildungssystem und die
Arbeit aller Schulen am Leitbild von Teilhabe und Chancengleichheit zu
orientieren und inklusiv – auch in Bezug auf die Schulstrukturen mit der
Zielsetzung einer gemeinsamen Schule aller Kinder – weiterzuentwickeln,
• den Sozialindex weiterzuentwickeln und schulscharf auf der
Grundlage transparenter Kriterien wirksam werden zu lassen,
• die Förderung der Zweisprachigkeit der Schülerinnen und
Schüler auszubauen und die hierfür nötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen,
• dafür Sorge zu tragen, dass pädagogisches Personal mit
Zuwanderungsgeschichte an den Schulen tätig ist,
• den Ausbau zu attraktiven Ganztagsschulen, in der die
sozialen Gruppierungen nicht unter sich bleiben, die sich der Nachbarschaft und
Gemeinde öffnen und Raum und Zeit für eine neue Lernkultur bieten,
voranzutreiben,
• Partizipation und Verantwortungsübernahme von Schülerinnen
und Schüler, Eltern, Nachbarschaften etc. im schulischen Alltag auszubauen,
u.a. durch die Wiedereinführung der Drittelparität in der Schulkonferenz,
• die interkulturelle Öffnung der Schulen zu befördern, u.a.
mit einem Rückgriff auf das in Kanada erprobte Konzept der „cultural
interpreters“ sowie
• die Fortbildung der Lehrkräfte mit Blick auf einen
produktiven Umgang mit der Heterogenität von Lerngruppen inhaltlich und
finanziell so auszustatten, dass individuelle Förderung aller Kinder zum
Strukturprinzip der Lern- und Unterrichtskultur werden kann.
Sylvia Löhrmann
Johannes Remmel
Sigrid Beer
Andrea Asch
und Fraktion
LANDTAG
NORDRHEIN-WESTFALEN - 14. Wahlperiode Drucksache 14/9428
Im Schulausschuss (Vorsitz Wolfgang Große Brömer, SPD) widmen sich
Expertinnen und Experten am Mittwoch (13.01.10) gleich zwei Anträgen zum Thema
Schule. Zum einen
schlägt die Grünen-Fraktion vor, sich an Kanada zu orientieren, wo Kinder und
Jugendliche aus Zuwandererfamilien erfolgreich in das Bildungssystem integriert
würden.