Stiller-Helden-Preis 2008
an Herrn Dr. Bernd Scheiff
Präsident des Landgerichtes
Mönchengladbach
Verleihung am 16.09.2008
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Liebe Freunde und Förderer von EUROTÜRK,
liebe Gäste,
und vor allem: lieber Preisträger -
ich freue mich aus mehreren Gründen über den heutigen
Abend: ich freue mich, dass wieder so viele Gäste bei uns sind, um der
diesjährigen Ehrung beizuwohnen; ich freue mich, dass dieser Preis nun schon
zum 5. Mal verliehen werden kann und damit bewiesen ist, dass dem Anliegen von
EUROTÜRK, stille Helden zu finden, die Kandidaten nicht ausgehen; und ich freue
mich, dass mir die Ehre zugefallen ist, eine Laudatio zu halten.
Wenn wir, liebe Freunde, uns die bisherigen Preisträger
anschauen, dann fällt auf, dass sie alle für unterschiedliche Taten geehrt
wurden. Sie haben zum Beispiel dafür gesorgt, dass türkische Menschen eine
Ausbildung finden konnten, dass sie die Chance auf einen Berufseinstieg
bekamen, dass sie am Arbeitsplatz Chancengleichheit hatten, kurz: sie haben
sich um die Integration verdient gemacht.
Wenn ich mich nun dem heutigen Preisträger zuwende, dann
fällt er auf den ersten Blick aus dem Rahmen. Weder hat er türkische Mitbürger
in Lohn und Arbeit gebracht, noch hat er sich um die Ausbildung türkischer
Jugendlicher verdient gemacht, und überdies hat er einen Beruf, der ihm solche
Aktivitäten kaum möglich macht. Was führt ihn heute Abend also hier zu uns und
zu dieser Ehrung?
Werfen wir zunächst einen Blick auf seine Vita. Herr Dr.
Bernd Scheiff wurde 1959 in Kirchheim bei Euskirchen geboren und verbrachte
seine Kindheit und Jugend im landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern. Nach der
Schule studierte er Jura und absolvierte seine Referendarzeit in Bonn, wo er
1987 auch seine richterliche Tätigkeit am dortigen Landgericht aufnahm. Elf
Jahre später, 1998,
folgte die Ernennung zum Richter am Oberlandesgericht
Köln. Er leitete das Dezernat für Liegenschaften und Finanzen und war damit vor
allem auch zuständig für die Betreuung der Bauvorhaben im
Oberlandesgerichtsbezirk Köln.
Im Jahr 2003 kam Herr Dr. Scheiff als Vizepräsident an
das Landgericht Aachen und führte dort den Vorsitz in einer Berufungs- und
Beschwerdekammer. Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem auch die
Koordination des Baus und der Organisation des Justizzentrums Aachen, das vor
einiger Zeit seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Seit Mai 2008, seit
wenigen Monaten also, ist er Präsident des Landgerichts Mönchengladbach, und es
ist sicher angebracht, zu dieser aktuellen Ernennung herzlich zu gratulieren.
Bis hierhin, liebe Freunde, meine Damen und Herren,
haben wir eine geradlinige und schnörkellose juristische Karriere gesehen. In
dieser allerdings deutet absolut nichts auf Berührungspunkte mit dem Anlass des
heutigen Abends hin. Und doch steht Herr Dr. Scheiff heute als diesjähriger
Preisträger vor uns. Ich will versuchen, Ihnen diese Entwicklung näher zu
bringen.
Ich bin nicht unbedingt ein Anhänger der Astrologie,
aber wie Sie wissen, werden bestimmten Tierkreiszeichen bestimmte Eigenschaften
zugeschrieben. Herr Dr. Scheiff ist im Zeichen Widder geboren, und diesen
Menschen sagt man nach, sie seien Tatmenschen und gelegentlich auch
draufgängerisch. Nun weiß ich nicht, ob Draufgängertum eine wünschenswerte
Eigenschaft für einen Richter ist, ich will auch nicht unterstellen, dass es im
vorliegenden Fall so ist. Aber als Tatmensch hat Herr Dr. Scheiff sich ganz
gewiss erwiesen. Hierzu muss ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die uns dann
schnell zum heutigen Abend führen wird.
Reiner Bertrand aus dem Vorstand von EUROTÜRK hatte in
einer Rechtssache am Landgericht Aachen zu tun. Am Rande der Verhandlung kam er
mit dem Präsidenten des Landgerichts, Herrn Gerber, ins Gespräch. Herr Bertrand
erzählte beiläufig von den Aktivitäten von EUROTÜRK, und es ergab sich so die
Idee einer Reise von Richtern aus Aachen in die Türkei, um Kontakte zu den
dortigen Gerichten herzustellen. Herr Gerber meinte Herrn Bertrand gegenüber,
er habe auch schon den richtigen Mann im Auge, diese Idee zu verfolgen.
Herr Dr. Scheiff, der zu der Zeit gerade mit seiner
Familie Urlaub in Frankreich machte und nichts ahnend von einer Klippe in
Calais hinüber nach England blickte, erhielt einen Anruf vom Präsidenten Gerber,
der ihm mitteilte, er würde in Kürze gemeinsam mit einer Gruppe von Richtern
aus Aachen nach Istanbul fliegen. Und Herr Dr. Scheiff – wie schon vermutet:
ein Tatmensch - sagte spontan zu.
So kam es also zu dieser ersten Türkei-Reise eines
Aachener Richters, dessen Kenntnisse des türkischen Rechtswesens bis dahin
allenfalls rudimentär waren. Was sich aus dieser Reise entwickelt hat, ist
bemerkenswert. Es gab Besuche und Gegenbesuche, Vorträge und Diskussionen.
Hervorzuheben ist ein Vortrag, den Sie, Herr Dr. Scheiff, vor Studenten und
Dozenten der Bosporuz-Universität gehalten haben. Die Aktivitäten, die sich
inzwischen entwickelt haben, sind ein hervorragendes Beispiel dafür, wie
Völkerverständigung abseits der Politik funktionieren kann, wenn man die Dinge
entschlossen anpackt und Brücken baut, zwischen der türkischen und deutschen
Gesetzgebung.
Ich weiß nicht, meine Damen und Herren, wie der deutsche
Durchschnittsbürger sich die Türkei im Allgemeinen und die türkische Justiz im
Besonderen vorstellt. Ich denke mir, da ist wenig Wissen vorhanden, wie
überhaupt wenig Wissen in der Bevölkerung über die Türken festzustellen ist.
Das türkische Rechtswesen jedenfalls, die türkische Justiz, ist eine ebenso
unabhängige wie die unsere. Und ebenso modern. Das türkische Verfassungsgericht
zum Beispiel, der oberste Gerichtshof der Türkei, hat im Jahr 2005 erstmals
eine Frau zur Vorsitzenden gewählt. Aber das nur nebenbei.
Das Bemerkenswerte an der Reise deutscher Richter in die
Türkei liegt für mich darin, dass hier der Wille erkennbar wird, die Denk- und
Arbeitsweise eines anderen Staates und Volkes aus der Nähe anzusehen, um so zu
einem besseren Verständnis zu kommen. Es ist ja nicht so, dass deutsche
Gerichte keine Berührungspunkte zu türkischen Mitbürgern hätten. Es leben
mehrere Millionen Türken bei uns in Deutschland, sie machen einen nicht
unerheblichen Anteil an der Bevölkerung aus. Da ist es rein statistisch schon
unumgänglich, dass deutsche Richter auch mit türkischen&xnbsp; Mitbürgern zu tun haben. Aber kennt man sie
deshalb? Weiß man deshalb etwas über ihr Rechtsempfinden, das möglicherweise
von unserem abweicht? Und kann es sein, dass Türken ein Gerichtsurteil, das
nach unserem Empfinden gerecht ist, ganz anders beurteilen? Eben auch, weil sie
zwar ein modernes Rechtssystem, aber einen anderen kulturellen Hintergrund
haben?
Ich bin überzeugt, lieber Herr Dr. Scheiff, dass die
Kontakte, die Sie und Ihre Kollegen so aktiv zu türkischen Gerichten geknüpft
haben, ein Zeichen und ein Beispiel für praktizierte Integration sind.
Vielleicht macht man damit keine Schlagzeilen, aber gerade deshalb meine ich,
dass diese Aktion ein gutes Beispiel ist, für das, was wir heute hier
auszeichnen: das stille Heldentum. Man kann andere erst dann im wörtlichen Sinn
„beurteilen“, wenn man sich bemüht, sie zu verstehen und Vorurteile
auszuräumen. Und das haben Sie getan. Besonders hervorheben möchte ich zum
Schluss, das von allen, die im Rahmen der „türkischen Aktivitäten“ mit Ihnen zu
tun hatten, betont wird, dass Sie mit großer menschlicher Wärme auf die
Menschen zugehen und sich ihre Probleme anhören. Nur so, glaube ich, kann ein
vernünftiges Miteinander funktionieren. Das zeigt sich besonders bei ihrem
Bemühen, den Austausch mit deutsch türkischen Vereinen zu fördern, um eventuelle
gegenseitige Vorurteile abzubauen.
Ich möchte Ihnen unseren Respekt für Ihren Einsatz
bekunden, Ihnen danken für Ihr ständiges Integrationsbemühen und darf Ihnen nun
den „Stillen Helden Preis 2008“ im Namen von EUROTÜRK überreichen. Herzlichen
Glückwunsch und im vertrauten Du wünsche ich Dir und Deiner Familie alles Gute.